Die ersten Hochschullehrer der Abteilung Raumplanung an der Universität Dortmund – darunter auch der ordentliche Universitätsprofessor Dr.-Ing. Walter Seele – traten ihren Dienst im Dezember 1968 an (Junius 1976: 198). Allerdings begann der Gründungslehrstuhl »Bodenordnung und Vermessungswesen« (VBO) an der Fakultät Raumplanung der Universität Dortmund mit Forschung und Lehre erst im Sommersemester 1969. Im Geiste der 1968er-Bewegung wurde zunächst statt von Lehrstuhl noch von »Fachgebiet« und statt von »Fakultät« von Abteilung gesprochen. Von Beginn an mit dabei: Brigitte Hower (1, ca. 1970), die dem Lehrstuhl von 1969 bis 2008 angehörte. Als Sekretärin, Bürokoordinatorin und Schutzengel unterstützte sie drei Professoren (Seele, Dieterich, Davy) und zahlreiche Generationen von wissenschaftlichen, technischen und studentischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Frau Howers Erinnerungen und weitere Darstellungen (u.a. Junius 1976; Lucht 2014; Dieterich 2002) bilden die Grundlage für diese Lehrstuhlgeschichte, die sich über den Zeitraum von 50 Jahren erstreckt.

1W 1970 Brigitte Hower am Schreibtisch

1

2W 1971 Walter Seele Brigitte Hower

2

Der erste Professor am Gründungslehrstuhl VBO war Dr.-Ing. Walter Seele (2 aus 1971, gemeinsam mit Brigitte Hower; 3 aus 1972). Walter Seele wurde 1924 in Minden geboren und als Soldat der Deutschen Wehrmacht in der Ukraine schwer verwundet (diese und nachfolgende Informationen stammen von Lucht 2014). Sein Geodäsiestudium an der Universität Bonn, ergänzt durch wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Lehrveranstaltungen, dauerte von 1946 bis 1950. Nach seiner Referendarzeit promovierte Walter Seele bei Professor Gaßner mit einer Dissertation über städtebauliche Planung und Bodenwertbildung. Zwischen 1956 und seiner Berufung an die Universität Dortmund war Walter Seele als Leiter des Vermessungs- und Katasteramts in Wattenscheid und des Vermessungsamts der Stadt Nürnberg tätig. Seele wirkte von 1968 bis 1975 an der Universität Dortmund, in den Jahren 1971 und 1972 übte er das Amt des Dekans aus (4 aus 1974, gemeinsam mit der Vermessungstechnikerin Brigitte Bergmann).

 3W 1972 Walter Seele Einzel

3

 4W 1974 Betriebsausflug Walter Seele Brigitte Bergmann

4

Seele und seine wissenschaftlichen Mitarbeiter – Frauen spielten bei VBO zu dieser Zeit nur in dienenden Rollen – vermittelten Studierenden der Raumplanung geodätische Kenntnisse und Fähigkeiten, eine wissenschaftliche und didaktische Herausforderung, für die es in der Bundesrepublik Deutschland keine Vorbilder gab. Jeden Tag wurde Neuland betreten. Zum Kernprogramm von VBO gehörten die Bodenordnung (Sachenrecht, Vermessungsrecht, städtebaurechtliche Umsetzungsinstrumente), die Grundstückswertermittlung, die Planungskartographie, die Theorien der Bodenwertbildung, Grundlagen der Bodenpolitik und Bodenwirtschaft, die Luftbildauswertung (Junius 1976: 199). Ausgehend vom Baurechtsgutachten des Bundesverfassungsgerichts aus 1954 (BVerfGE 3, 407), bilden die städtebaurechtlichen Umsetzungsinstrumente wichtige Elemente der Bauleitplanung in Deutschland. Bodenordnung, Grundstückswertermittlung und Planungskartographie formen zudem den Kern des kommunalen Vermessungswesens (Stahr 2006). In den ersten Jahren des Gründungslehrstuhls herrschte noch eine tiefe Überzeugung vor, räumliche Entwicklungen könnten sinnvoll durch den Einsatz regulatorischer Instrumente (etwa der amtlichen Baulandumlegung oder der Enteignung) gesteuert werden. Walter Seele verstand es, den regulatorischen Ansatz des Bundesbaugesetzes mit bodenökonomischen und geodätischen Kenntnissen und Fertigkeiten zu verbinden. Er schuf auf diese Weise die Grundlage für eine interdisziplinäre ausgerichtete Bodenpolitik, die er nach seiner Berufung auf den Lehrstuhl »Bodenordnung und Bodenwirtschaft« am Institut für Städtebau, Bodenordnung und Kulturtechnik an der Universität Bonn im Jahr 1975 weiter ausbaute (siehe zu den reichhaltigen Veröffentlichungen Walter Seeles die Auswahl bei Borchard & Weiß 1994; besonders typisch Seele 1997; vgl. auch Lucht 2014).

Der Lehrstuhl VBO war mit fünf (!) Stellen für wissenschaftliche Angestellte ausgestattet. Zu den wissenschaftlichen Mitarbeitern von Walter Seele gehörten unter anderem zwei der bis heute wichtigsten »influencer« der deutschen Wertermittlungsszene: Dr.-Ing. Hans Otto Sprengnetter und Ministerialrat a.D. Dipl.-Ing. Wolfgang Kleiber (Honorarprofessor an der Fachhochschule Anhalt). Sprengnetter Immobilienbewertung (www.sprengnetter.de) ist eines der größten Büros für Grundstückswertermittlung in Deutschland. Die von Wolfgang Kleiber (5, gemeinsam mit Brigitte Hower) herausgegebene Fachzeitschrift »Grundstückswert und Grundstücksmarkt« (GuG) sowie sein im Jahr 2017 in 8. Auflage erschienenes Handbuch »Verkehrswertermittlung von Grundstücken« zählen zur Standardausstattung aller Sachverständigen für Grundstückswertermittlung.

 5W 1974 Betriebsausflug Gruppe 2

5

 6W 1971 Hartwig Junius Kegeln

6

Prägend für den Lehrstuhl war der Geodät und spätere Akademische Oberrat Dr.-Ing. Hartwig Junius (6), am Lehrstuhl von 1969 bis 2004. Sein Dienstantritt am 1. Oktober 1969 erfolgte zeitgleich mit der Geburt einer Tochter. Junius lehrte vor allem Planungskartographie und Luftbildauswertung, zudem Vermessungskunde (für Studierende der Nachbarfakultät Bauwesen) und graphische Datenverarbeitung. Als akademischer Oberrat trug Junius regelmäßig mit rund 16 Wochenstunden pro Semester zur Lehre bei, was eine großzügige und inhaltsreiche Ausgestaltung des VBO-Angebots (nach Inhalten und nach Lehrveranstaltungsformen) gestattete. Junius promovierte 1980 mit der Arbeit »Eine digitale topographische Karte für die Flächennutzungsplanung – Vorschlag für ein photogrammetrisches und datentechnisches Verfahren zu ihrer Herstellung«. Im Jahr 1986 organisierte er die Beschaffung der Software ARC-Info und machte die Universität Dortmund zur ersten Universität in Nordrhein-Westfalen die dieses Geoinformationssystem installierte und nutzte. Auch vereinbarte Junius mit ESRI den Campuslizenzvertrag, der allen Studierenden während ihrer Studienzeit eine eigene Lizenz ermöglicht. Hartwig Junius organisierte mehrere Symposien des Förderkreises Vermessungstechnisches Museum (Dieterich & Junius 1981; Junius 1985, 1990, 1993, 1996/97). 1991 habilitierte sich Hartwig Junius für Planungskartographie und Geo-Informationssysteme.

Zu den ersten wissenschaftlichen Mitarbeitern von VBO zählten auch die Geodäten Dr.-Ing. Helmut Güttler (Geodät, bei VBO von 1971 bis 1978; Promotionsthema: »Bodennutzungsplanung nach einem Optimierungsmodell in der Flurbereinigung« [Güttler 1978]), Dr.-Ing. Peter Schöttler (von 1971 bis 1979) sowie der Diplom-Geograph Klaus Hoffmann (von 1972 bis 1981). In der Übergangszeit nach Walter Seele tat Hartwig Junius einen Glücksgriff und nahm Heinz Kobs (7, mit Brigitte Hower und 8) ab Oktober 1975 als technischen Zeichner unter Vertrag. Heinz Kobs hat die rasanten Entwicklungen der Kartographie und Landesvermessung – vom Rapidographen und Lichttisch bis hin zu Geoinformationssystemen und digitaler Bildbearbeitung – mit großem Engagement verfolgt und mitgemacht. Dies war gewiß nicht immer einfach und stets von der Erfahrung geprägt, daß technischer Fortschritt, beinahe über Nacht, ganze Berufsstände überflüssig machen kann. Heinz Kobs, indes, war niemals überflüssig bei VBO/BBV.

 7W 1976 Manfred Kamm Heinz Kobs Brigitte Hower

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 8W 1990 Heinz Kobs am Zeichentisch 2

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